Nach der Eröffnung

Das Projekt ist unterwegs, die beiden zentralen Teilausstellungen in Motorenhalle und Prager Spitze sind ab sofort jeden Tag von 14 Uhr an geöffnet.

Kleine Presseschau:
Bereits am Donnerstag haben die Dresdner Neuesten Nachrichten ausführlich auf das Projekt hingewiesen, mit einem recht langen Text von Tomas Petzold (leider nicht online), der zu einem erfreulichen Fazit kommt:

“Gerade auch die Aussagen zum Umfeld wie der reich ausgestattete Katalog wollen in Ruhe erkundet sein. Aber die Qualität der Arbeiten, die bereits zu besichtigen waren, spricht wie die Seriösität der Präsentation eine klare Sprache. Zum Teil sind es geradezu Schlüsselwerke, und das unter den gegebenen Umständen nicht hoch genug zu würdigende Engagement der Leihgeber macht so das Anliegen erst recht glaubhaft. Hier geht es in erster Linie um die Kunst und nicht um eine Inszenierung. Hier geht es nicht um Teilen und Herrschen, sondern wirklich einmal um das Zusammenführen dessen, was zusammen gehört”

“art – Das Kunstmagazin” hat uns zum “Tipp der Woche” ausgerufen. Zwei Dresdner Blogger waren am Mittwoch in der Stasi-Gedenkstätte zu Gast – dem Dresdner Rand hat’s gefallen, der Neustadt-Ticker war etwas irritiert von den Begleitumständen der Eröffnung.

Filmprogramm – „Aber wenn man so leben will wie ich“

30. September 2009 | 20 Uhr | Motorenhalle

Studentenfilme der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg 1979-1989

Zu Gast: Hannes Schönemann (im Gespräch mit Nils Werner)

„Die geistige Unterjochung und so, das geht nicht – sag mal, könnt ihr das überhaupt drehen?“ – Originalton Michael, DDR-Punk mit Ausreiseantrag. 1988 die Hauptfigur eines kleinen HFF-Studentenfilms von Bernd Sahling: „Aber wenn man so leben will wie ich“. Der Titel ist Programm und das kurze Dokfilmporträt: ein echter Exot auf volkseigener Leinwand.

Denn für abgedrehte Jugendliche, Kleinkriminelle und Soldaten, die vom Elend NVA berichten, ist im sozialistischen Kino kein Platz. Too much sozialistischer Realismus.

Dumm nur, dass sich ausgerechnet der Regienachwuchs der DDR zu ebenjenen Schattengewächsen im Garten der „sozialistischen Persönlichkeit“ magisch hingezogen fühlt. Und dafür dann auch mächtig einstecken muss.

Thomas Heise und Hannes Schönemann gehören zu den ersten, die 1979ff. die heile Hochschulfilmwelt der HFF zerschrammen und das, was man gemeinhin „ungeschminkte“ Wirklichkeit nennt, auch genauso filmisch bannen. Ohne Zensurschnitte, ohne Retusche: Draufhalten, zuhören, auch wenns schmerzt.
Wozu_denn_über_diese_Leute_einen_Film
Dozenten, Funktionären und den Genossen vom MfS passt das gar nicht: Aus „WOZU über DIESE Leute einen Film“ (O-Ton HFF-Dozent) wird „WOZU mit DIESEN Leuten noch weiter Film“ (OPV-Anweisung MfS). Letzter Ausgang: Ausreise (Schönemann) oder Theater/Kunst (Heise). Kommilitone Hans Ulrich Michel wirft sich 1985 vor den Zug. Apokalypse now: made in GDR. Es dauert 10 Jahre, bis neuer renitenter Nachwuchs sich langsam wieder reckt.

Andreas Dresen (genau der) wirft 1988 unzensierte Blicke auf den Makrokosmos NVA und erntet mit „Was jeder muss“ prompt ein Aufführungsverbot. Im gleichen Jahr betritt Bernd Sahlings Punk die Bühne. Und mit ihm seine Mutter. Passions-Szenen. Und die Vorwegnahme zweier Untergänge: 1.) Die DDR: ein Staat, wo „du getreten wirst, wenn du dich ein bisschen anders bewegst“ 2.) Der Junge: „Michael lebt in einer Streichholzschachtel, das ist das Problem.“ (beide Originalton Mutter).

Kurz nach der Wende stirbt Michael, „ein intelligenter Junge mit Kraft in der Seele“ (Zeitschrift Sonntag 1988). Ein paar Kilometer weiter. In West-Berlin. An den Folgen einer Überdosis Heroin.

Sonnabend_Sonntag
Hannes Schönemann
Sonnabend, Sonntag, Montag früh

– 1979 – 45min

Thomas Heise
Wozu über diese Leute einen Film

– 1979/80 – 33min

Andreas Dresen
Was jeder muß

– 1988 – 16min

Bernd Sahling
Aber wenn man so leben will wie ich

– 1988 – 20min

Ausführliche Filmbeschreibungen + Biografien

Kulturtipp beim Deutschlandradio (mp3)

Text + Filmauswahl: Nils Werner –
Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Kinemathek

Noch vor einer Woche konnte man an den Ausstellungsorten hauptsächlich hoffnungslose Baustellen besichtigen, noch heute sind Künstler und Mitarbeiter unseres Projekts in die berühmteste Baugrube Dresdens, das “Wiener Loch” an der Prager Straße, gestiegen, um dort eine spektakuläre Installation aufzubauen, und wundersamerweise kann das Projekt jetzt, in wenigen Minuten, mit der Eröffnung in der Gedenkstätte Bautzner Strasse beginnen.

Die Presse ist auch schon umfassend informiert, morgen hoffen wir natürlich auf ein entsprechendes Medienecho. Schon mal begonnen hat Val Phoenix in der englischen Ausgabe der Financial Times von heute mit einem Text über unsere Eröffnungsperformance, Gabriele Stötzer, die Künstlergruppe Exterra XX und ein bißchen auch über “Ohne Uns!”

Hier auf der Seite sind in den letzten Tagen etliche Details zum Begleitprogramm (unter “Termine”) dazugekommen, weitere Informationen zu den Veranstaltungen werden regelmäßig hier im Nachrichtenblog veröffentlicht. Unter “Ausstellungen” findet sich jetzt etwas mehr Material zu Künstlern, Werken und Konzeptionen – hoffentlich können wir da in den nächsten Wochen noch nachbessern. Und das sehr schöne Begleitbuch zum Projekt mit ausführlichen Texten über die Dresdner Alternativkultur in der DDR-Ära und großzügiger Bebilderung ist ebenfalls rechtzeitig fertiggeworden und kann käuflich erworben werden – auch dazu in Kürze mehr. Jetzt freuen wir uns erstmal auf den kollektiven Erleichterungsseufzer, wenn heute und morgen alles gut läuft.

Ausstellungseröffnungen am 23./24. September

Mi 23.9. | 20 Uhr | Gedenkstätte Bautzner Straße

Am Abend des 23. September wird das Projekt “Ohne Uns!” in der Gedenkstätte Bautzner Straße mit einer Performance von fünf Frauen eröffnet, die 1989 das Ende der Ära des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit einleiteten:

Der 4. Dezember 1989 wurden in Erfurt als erster Stadt der DDR das zentrale Staatssicherheitsgebäude und andere Einrichtungen der Staatssicherheit auf friedliche Weise besetzt. Der einzigartige Akt löste eine DDR-weite Besetzung aller Einrichtungen der Staatssicherheit und ihre Auflösung aus, was das Ende der sozialistischen Diktatur bedeutete.
Auslösender Faktor war das beherzte Vorgehen von 5 Frauen: Kerstin Schön (Rakuna), Sabine Fabian, Claudia Bogenhard, Petra Büchner und Gabriele Stötzer (ehem. Kachold). Sie tauchten in der Ratsversammlung auf und verkündeten die Besetzung, riefen die Betriebe zum Generalstreik auf, schlossen sich kurz mit den alternativen Kräften, informierten die Presse, brachten die Staatsanwälte dazu mit in die Stasizentrale zu gehen und konnten mittags in das von Menschenmassen umstellte Gebäude eindringen, das sie nicht mehr verließen.
Die aus der Not der Zeit geborene, gut konzipierte und konsequent durchgeführte Besetzung der Stasi wird Gegenstand und Ausgangspunkt der Performance sein. Die authentischen Frauen von 1989 werden mit Körper, Sprache, rituellen und filmischen Mitteln die Vision und den Anspruch auf Veränderung von damals neu formulieren. In der Wiederholung entsteht eine andere Form von Bewußtwerdung.

Es sprechen:
Lothar Klein – Leiter der Gedenkstätte Bautzner Straße
Frank Richter – Direktor der Landeszentrale für politische Bildung
Frank Eckhardt – Kurator “Ohne Uns!”


Do 24.9. | 19.30 Uhr | Prager Spitze
Do 24.9. | 21 Uhr | Motorenhalle

Am 24. September geht es mit den Vernissagen der Ausstellungsteile in der Prager Spitze – wo auch der Exkurs “Hab ich euch nicht blendend amüsiert” beherbergt ist – sowie in der Motorenhalle weiter. Den Transport zwischen den Veranstaltungsorten übernimmt im Pendelbetrieb zwischen Postplatz, Hauptbahnhof (Prager Spitze) und Bahnhof Mitte (Motorenhalle) eine TATRA-Museumsbahn des Straßenbahnmuseums Dresden. (Wir danken für die freundliche Unterstützung.)

Sprecher
Manfred Wiemer – Leiter des Amtes für Kultur und Denkmalschutz Dresden
Frank Eckhardt – Kurator “Ohne Uns!”
Paul Kaiser – Kurator “Ohne Uns!”


Hinweisen möchten wir noch auf die Ausstellung Zwischen Aufbruch und Agonie – Die Dresdner Galerie Nord 1974-1991 in der SLUB am Zelleschen Weg (Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek). Die Eröffnung findet – zeitlich schön kompatibel – am 24. September um 17 Uhr im Vortragssaal der SLUB statt.

Update (mit weiblichen Subversionen)

Diese Seite hat mal wieder ein Update verdient, bevor das Gerücht entsteht, dass es sich bei “Ohne Uns!” auch um die redaktionelle Strategie handelt: Hier wird weiter zielstrebig und in einem der Größe des Projekts angemessenen Vorbereitungschaos auf die Triple-Eröffnung in zwei Wochen hingearbeitet. Der Kalender für die Begleitveranstaltungen steht von Details abgesehen fest und läßt sich (wenn Sie mal auf die rechte Seitenleiste schauen möchten) nun komplett einsehen. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen werden in der nächsten Woche sukzessive ergänzt.

Bis zur Eröffnung möchten wir hier aber endlich zum Projektkern – den Ausstellungen – vorstoßen und vorab kleine Einblicke in die Vielfalt der gezeigten Werke und die zugrunde liegenden Konzepte unserer Kuratoren geben. (Zeitgleich wird natürlich auch eine umfangreiche Dokumentation, die alle Werke und ausstellenden Künstler einschließen wird, vorbereitet.)  Den Anfang macht heute der von Susanne Altmann vorbereitete eigenständige Ausstellungsexkurs “Hab ich Euch nicht blendend amüsiert? – Weibliche Subversionen in der späten DDR-Kunst“, der vom 24. September an in der Prager Spitze zu sehen sein wird.

Gabriele Kachold_Verschmelzung_1983_ aus Frauen miteinander (Fotobuch)

Susanne Altmann hat für ihr Modul experimentelle Filme, Installationen, Gemälde und Fotokunst zusammengestellt, die die Spannung zwischen einer männlich dominierten offiziellen wie nichtoffiziellen Kunst und der kreativen Selbstverwirklichung von Künstlerinnen in einer doppelten Drucksituation thematisieren. Die Ausstellung untersucht weibliche, oft körperbasierte Bildwelten, die in der Rezeption der DDR-Kunst bislang kaum wahrgenommen wurden. In ihrer Energie und Prägnanz sind sie einerseits auf Augenhöhe mit dem feministischen westlichen Diskurs jener Jahre lesbar, andererseits repräsentieren sie die ostdeutsche Spezifik des weiblichen Selbstbestimmungsprozesses in der Kunst.

Zur Exkurs-Seite, zu den Gesprächsabenden mit Susanne Altmann

Abb.: Gabriele Stötzer “Verschmelzung” (1983), aus ihrem Fotoband “uns, frauen miteinander”

Zug der Freiheit

Ungefähr sechs für uns sicher kurze Wochen werden vergehen, bis es hier richtig losgeht – deshalb bitten wir um Verständnis, dass wir uns mit weiteren konkreten Ankündigungen zurückhalten, solange vieles noch etwas im Fluss ist.

Um die Wartezeit zu überbrücken, empfiehlt sich ein Besuch bei Friedliche Revolution.de, einer enorm materialreichen Seite, die vom eingebundenen Video über einen Podcast (“Montagsradio“) bis hin zum Twitterfeed alle Register neuerer Netz-Technologie zieht, um auf die Zeit der Wende zurückzublicken.

Die Kollegen vom Kultur Aktiv e.V. schmücken derweil die Wendejubiläums-Feierlichkeiten in Dresden mit einem weiteren Großereignis. Am 1. Oktober wird auf dem Hauptbahnhof nach 20 Jahren wieder ein Sonderzug auf dem Weg von Prag nach Hof erwartet, diesmal allerdings auch tatsächlich zwischenstoppen:

Ein Sonderzug mit fünf historischen Wagen fährt entlang der Strecke der Züge mit den Botschaftsflüchtlingen von 1989 von Prag über Dresden, Freiberg, Chemnitz, Plauen nach Hof. Die einzelnen Waggons fungieren als Kunsträume, in denen Ausstellungen gezeigt werden, in ihnen präsentieren sich Zeitzeugen in Interviews, Wissenschaftler und Jugendliche aus den ehemaligen Staaten des Ostblocks zeigen spezielle Ereignisse der Wendezeit in ihren Ländern. Ergänzt wird das kulturelle Angebot um zukunftsgerichtete Planspiele, die Europas weiteren Werdegang skizzieren. An den Bahnhöfen finden Festivitäten für die lokale Bevölkerung statt, so in Dresden ein „Fest des Volkes“.

Einzelheiten zu den Waggons hier (pdf, 1 MB)

Filmprogramm

Teil zwei der Begleitprogramm-Preview: Der Journalist, Dokumentarfilmer und Schmalfilmtagist Nils Werner hat für uns eine Auswahl aus vorwiegend dokumentarischen Schätzen aus der DDR-Zeit und einigen wichtigen filmischen Nachwendereflektionen erarbeitet. Es wird – tendenziell Mittwoch abends – Vorführungen in der Motorenhalle und zusätzlich im Neustädter Kulturzentrum Scheune geben.

Unter anderem haben wir Werke von Jürgen Böttcher (zur Orientierung hier ein feiner Essay über Böttchers Dokumentarkino – allerdings nicht unbedingt über die für uns interessanten Dresden-zentrierten Filme – von Klaus Kreimeier) und Thomas Heise (aktuell im Gespräch mit seiner bei der Berlinale sonderaufgeführten Montage “Material“) organisiert. Der Autor und Filmhistoriker Claus Löser wird die bereits beim Geschichtsforum in Berlin gezeigte “Behauptung des Raumes” beisteuern, einen Film über die subversiven Aktivitäten der Leipziger Galerie “Eigen+ART” in den 80er Jahren. Und an einem Filmabend mit Studentenfilmen heute teilweise recht bekannter Absolventen der HFF wird derzeit noch gebastelt. – Edit 3.8. – Ein weiterer Kurzfilmabend in der Scheune wird Dokumentaraufnahmen der Dresdner Neustadt präsentieren. Und unbedingt erwähnen möchten wir noch Ula Stöckls Das alte Lied, eine der ersten filmischen Reflektionen der Wendezeit in Dresden. – Hoffentlich bzw. höchstwahrscheinlich wird der eine oder andere Regisseur im Rahmen der Aufführungen persönlich vorbeischauen und Rede und Antwort stehen, wir sagen natürlich rechtzeitig Bescheid.

Zum Schluß wird hier auch ein wenig anmontiert: dieser Ausschnitt aus einem Interview nämlich, in dem Thomas Heise mit dem ARTE-Magazin metropolis über die Wendeereignisse spricht.

“Keine Gewalt” im Stadtmuseum

Einmalige Exponate und bisher nicht veröffentlichte Medien erzählen von Mut und Angst, von Träumen und Hoffnungen sowie von Gewissenszweifeln – letztlich von der faszinierenden Geschichte, wie eine übermächtige Staatsmacht mit Gewaltlosigkeit und Beharrlichkeit, Einfallsreichtum und Witz, in die Knie gezwungen wurde.

Ein Blick rüber zur “Konkurrenz”: das Stadtmuseum am Pirnaischen Platz eröffnet nächste Woche die Ausstellung “Keine Gewalt – Revolution in Dresden 1989”, die sich auf die Zeit des Umbruchs konzentriert und die Pionierrolle der oppositionellen Bestrebungen in Dresden dokumentiert. Unter anderem hat das Stadtmuseum einen 13minütigen Kurzfilm (“Dresden Herbst ’89”) aus teilweise nie veröffentlichten Aufnahmen wichtiger Stationen auf dem Weg zum Systemzusammenbruch zusammengeschnitten – bis hin zur Ausrufung der “Bunten Republik Neustadt” im Juni 1990. Filmpremiere war bereits am letzten Samstag im Rahmen der Museumssommernacht (nachzulesen in der DNN vom 11.7., leider nicht online), die gesamte Ausstellung wird ab 22. Juli jeweils von Dienstag bis Sonntag (10 – 18 Uhr, Freitag bis 19 Uhr) zu sehen sein.

(Edit: Mehr Informationen bei der Sächsischen Zeitung)

wendebahnhof

Wir haben ja ergänzend zu den Ausstellungen ein umfangreiches Begleitprogramm versprochen, das langsam konkrete Formen annimmt, so dass sich ein kurzer Ausblick schon mal lohnt.

Zu den spektakuläreren Aktionen im Rahmen von “Ohne Uns!” gehört der “wendebahnhof”, eine Videoprojektion mit Lichtgrafik und Klang an die innenstadtseitige Außenwand des Dresdner Hauptbahnhofs am Abend des 7. Oktober 2009 – es wäre der 60. Geburtstag der DDR gewesen. Detlef Schweiger, Andrea Hilger und ARTISAR werden am unmittelbaren Ort des Geschehens eine Collage aus Film- und Tondokumenten der Stasi von den Unruhen zeigen, die die Durchfahrt der Züge aus der Prager Botschaft der Bundesrepublik Anfang Oktober ’89 begleiteten und zusammen mit den anschwellenden Demonstrationen der folgenden Tage eine erste merkliche Erschütterung des SED-Regimes bedeuteten. Es wird weitere Vorführungen von Filmen mit dokumentarischem Material aus der DDR-Zeit in Motorenhalle und Scheune geben – hier müssen im Moment noch einige organisatorische Elefanten aus dem Raum geschafft werden, mehr dazu vielleicht schon in der kommenden Woche.

Als akademisches Resümee und krönender Abschluß des Projektes ist für Mitte Januar 2010 die dreitägige Tagung “8060/ 7050/ 9040” im Hygienemuseum – in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung, der TU Dresden und der Stiftung “Deutsches Hygienemuseum” – vorgesehen. Die Tagung wird das Gebiet der Betrachtung alternativer Kultur in der DDR auf die anderen ehemaligen Bezirksstädte Sachsens erweitern. Der kryptische Titel steht für die Postleitzahlen der Gründerzeitviertel von Dresden, Chemnitz und Leipzig, in denen jeweils Anfang der 70er Jahre städtische Subkulturen begannen zu florieren. Etliche Wissenschaftler sowie Künstler und Zeitzeugen der Epoche haben bereits als Referenten zugesagt, konkretere Informationen werden im Laufe des Herbstes folgen.

Freundliche Bitte um Mithilfe

Noch drei Monate bis zur Ausstellungseröffnung, die heiße Phase für Kuration und Organisation hat begonnen. Schon am letzten Freitag wurden die wichtigsten Vorbereitungsstränge in einem ersten großen Teamtreffen zusammengeführt. Recherchen laufen auf Hochtouren, Künstler bereiten Arbeiten vor, Zeitzeugen werden in langen Gesprächen von uns mit Fragen gelöchert. Am 1. Juli wird auch unser Projektbüro in der Prager Spitze seine Arbeit aufnehmen.

Für alle Interessierten, die unser Projekt ohne großen Aufwand unterstützen möchten: der tschechische Künstler Martin Zet hat eine schöne Idee für seine Arbeit “Passage”, die ab September in den Ausstellungsräumen in der Prager Spitze zu sehen sein soll. Er möchte einen Teppich aus – bevorzugt in Zeiten des Sozialismus entstandenen – ideologielastigen Büchern der jüngeren deutschen Geistesgeschichte knüpfen, den die Ausstellungsbesucher dann begehen werden.

Martin Zet's "Passage" Warschauer Version
Martin Zet's 'Passage', Warschauer Version

Allerdings fehlen ihm noch ein paar solcherart kontaminierte Bücher – genauer gesagt ungefähr elftausend. Eine schöne Gelegenheit, Dachboden, Keller oder Wohnzimmerschrank (so genau wollen wir’s nicht wissen) auszumisten und uns die dort entdeckten Blüten totalitären Denkens zukommen zu lassen. Beim Transport größerer Mengen sind wir gern behilflich.

Sollten Sie sogar interessantere Dinge entdecken als alte Bücher, können Sie ein anderes Kunstprojekt unterstützen, das ebenfalls für “Ohne Uns!” vorbereitet wird – es werden noch Menschen gesucht, die uns ihre von der DDR-Vergangenheit kündenden Dachböden zeigen und die Geschichte der dort gelagerten Gegenstände erzählen möchten.

Kontakt: Sandro Reppe – 0351/8660242 – sandro.reppe@riesa-efau.de – oder Kommentarfunktion